Die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Aalen betreut schwerpunktmäßig junge Patienten mit Diabeteserkrankungen und verfügt über ein weit überregionales Einzugsgebiet.
Diabetes ist die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindesalter. In Deutschland leben schätzungsweise rund 25.000 betroffene Kinder und Jugendliche.»Auch wenn sich die Zahl seit 1990 nahezu verdoppelt hat, steigt sie nicht mehr so rasant«, weiß Dr. Gisela Fitzke, Kinderdiabetologin, Ober- und Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Die Dynamik habe sich zum Positiven verändert. Die Ursache für den Anstieg der Autoimmunerkrankungen sei nach wie vor unklar.
Seit 25 Jahren widmet sich die Oberärztin diesem Thema, seit 2013 wirkt sie gemeinsam mit ihrem Team der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Ostalb-Klinikum in Aalen und macht sich stark für die kleinen Patienten. Diabetes sei mittlerweile eine Volkskrankheit, bei der man unter zwei Hauptdiabetesformen Typ 1 und Typ 2 unterscheiden müsse. Die Fachärztin erläutert, dass beide Formen eine chronische Erkrankung des Blutzuckerhaushalts darstellen, sich aber in Ursache, Verlauf und Behandlung unterscheiden.
Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung, bei der die körpereigene Insulinproduktion stark oder vollständig ausfällt. Familien von Kindern mit Typ 1 Diabetes kämpfen oft mit dem Vorurteil, die Krankheit sei durch ungesunde Ernährung oder falsche Lebensweise verursacht worden. Kommentare wie: »Jetzt rächt es sich, dass ihr so viel Chips gegessen habt«, sind jedoch irreführend, da es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt. Typ 2 wiederum beruht häufig auf Insulinresistenz und einem zunehmenden Insulinmangel im Verlauf, oft verbunden mit Lebensstilfaktoren und genetischer Veranlagung. »Problematisch bei Diabetes ist, dass die Krankheit nicht weh tut«, so Dr. Fitzke. Oft werden die Symptome, wie starker Durst, Sehstörungen, Müdigkeit oder Appetitlosigkeit nicht mit Diabetes in Zusammenhang gebracht. Die Krankheit sei chronisch und gehe nicht von allein weg. »Die Patienten müssen sich kümmern und können dabei unterstützt werden«, betont sie.
Wenn Diabetes startet, handle es sich meist um einen akuten Krankheitszustand, indem es den Kindern schlecht gehe, berichtet sie. Nachdem sie erheblich an Gewicht und Muskelmasse verloren haben und unter extremer Schwäche leiden, sind sie kaum noch leistungsfähig. In schweren Fällen führt dies bis zum Kollaps, woraufhin eine Stabilisierung auf der Intensivstation erforderlich ist, bevor sie auf die Normalstation verlegt werden können. Dann starte die Diabeteskarriere, die für alle Beteiligten einen umfangreichen Lernprozess darstellt. Wenn sie in ihren Alltag zurückkehren, müssen auch Erzieher und gelegentlich weitere Betreuungspersonen informiert und geschult werden. Ein wichtiger Bestandteil der Nachsorge ist der regelmäßige Besuch der Ambulanz, wo die Therapie individuell an die alltäglichen Anforderungen angepasst wird. Es existiert ein standardisiertes Schulungsprogramm, das alle Lebensbereiche abdeckt und auch psychologische Begleitung in den Bereichen Krankheitsakzeptanz und -verarbeitung bietet. Dabei werden auch Eltern und Geschwisterkinder einbezogen. Ein zentraler Bestandteil ist die Ernährungsberatung und das Diabetesmanagement. Die Kinder lernen, Insulin korrekt aufzubewahren, Injektionen durchzuführen, Blutzuckermessungen vorzunehmen und den Insulinbedarf für Mahlzeiten zu berechnen. Während die Spritzentherapie zunehmend in den Hintergrund tritt, erfolgt der Trend verstärkt zur Insulinpumpe, die eine bessere Regulierung ermöglicht. Ein Sensor über der Haut sendet Daten an die Pumpe,
die automatisch auf Blutzuckeranstiege reagiert. Trotz dieser Fortschritte sind regelmäßige Blutzuckermessungen erforderlich: ein- bis zweimal täglich zur Überprüfung des Sensors, während ohne Pumpe sieben bis acht Messungen nötig wären. Da sich die Kinder schnell entwickeln, ist eine kontinuierliche Anpassung der Insulinmedikation erforderlich, ebenso wie eine Erweiterung der Schulungsthemen, um den sich ändernden Horizonten der Kinder gerecht zu werden.
Aktionstage mit wechselnden Mottos sind Bestandteil des Programms und bieten eine besondere Serviceleistung der Kinderklinik, die den Familien keine Kosten verursacht. Dabei wird eine Atmosphäre geschaffen, die an eine Jugendherberge erinnert. Die Kinder bleiben dort für vier Tage, inklusive Übernachtungen, wobei erlebnispädagogische Elemente eingebaut werden. »Wir haben einen sehr aktiven Förderverein ›Freunde der Kinderklinik Aalen‹, der auch das Diabetes-Team unterstützt,« betont Dr. Gisela Fitzke. Ein Beispiel für diese Aktivitäten ist ein Ausflug zur Polizei nach Ellwangen. Auch sonst bietet das Kinderdiabetes Team turnusmäßig Informationsveranstaltungen oder Workshops in unterschiedlichen Formaten an, um Familien kontinuierlich zu unterstützen und ihnen die Werkzeuge zu geben, die sie benötigen, um ihre Kinder bestmöglich zu versorgen. Für die Familien sei es oft eine Herausforderung, die Ernährungsbedürfnisse ihrer Kinder mit Diabetes zu verstehen und zu erfüllen, so die Fachärztin. »Unser Ziel ist es, sie dabei zu unterstützen und ihnen das nötige Wissen und Selbstvertrauen zu vermitteln, um eine gesunde Lebensweise für ihre Kinder zu fördern«, fügt sie hinzu.
Das Gute: Die Therapie der Krankheit Diabetes könne heute dem jeweiligen Lebensstil des Patienten angepasst werden, sodass ein weitgehend »normales« Leben geführt werden könne.
Rund 100 Patienten werden dauerbetreut und jedes Jahr kommen ungefähr 25 neue hinzu, während die über 18-jährigen wieder abwandern. Das multiprofessionelle Team besteht aus 17 Mitgliedern, darunter Physiotherapeuten, eine Psychologin, Erzieherinnen, Lehrer, Krankenschwestern, Ärzte und zwei Diabetesberaterinnen – eine Ausstattung, die sonst nur die Uniklinik Tübingen vorweisen kann. »Ich bin sehr stolz auf dieses Team«, betont Oberärztin Fitzke. Das man so gut ausgestattet ist, sei ein Alleinstellungsmerkmal für den Kreis. Das Betreuungskonzept kommt auch bei den Familien sehr gut an, die sich dort verstanden fühlen und echte Hilfe erfahren.
Dr. Gisela Fitzke empfinde es als besonders positiv, dass sie nicht nur den Patienten helfen könne, oder den Familien mit fachlichen Tipps zur Seite stehen kann, sondern dass sie auch ganz viel zurückbekomme. Das sich das Drama der Erkrankung in vielen Familien umwandle in eine Art Stärkedynamik. Die Erfahrung Probleme gemeistert zu haben, stärke die Kinder. Diese Kinder würden früh Verantwortung übernehmen, weil sie das im Rahmen der Therapie so gelernt haben. Die Möglichkeit die kleinen Patienten durch Krisen zu begleiten, gebe ihr Kraft und mache ihr viel Freude.
